Ivica Petrušić – Ein Šmeker, der die Bühnen rockt

An diesem heissen Wochenende Ende Juni hat Ivica Petrušić mit Šuma Čovjek das Publikum auf der Sternenbühne am Openair St.Gallen bewegt, davor war er zwölf Jahre lang auf der Schweizer Politik-Bühne präsent. Mit uns hat er Backstage über seine Musik, Projekte und Jugos gesprochen. 

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1991 mit vierzehn Jahren, in der Blüte seiner Teenagerzeit, aus dem kommunistischen Jugoslawien in die föderalistisch, liberale Schweiz zu kommen, war eine Herausforderung. Ivica hat diese nach einigen Anfangsschwierigkeiten, mehreren Extrarunden in der Schule und dem nötigen Quäntchen Glück am Ende gemeistert. Dabei haben ihm vor allem die Musik, Basketball, zwei Lehrer und seine offene Art geholfen. Heute setzt er sich mit okaj genau für solche Teenager ein, hat sich von der Politikbühne wieder mehr der Musikbühne gewidmet, überall aber mit der gleichen Botschaft. Diese und mehr erfahrt ihr im Interview mit Ivica. 

Šuma Čovjek ist dein neuestes Projekt. Wie kam es dazu?

Der Grundstein wurde schon vor 15 Jahren gelegt, als wir noch die B-Express Partyreihe im Kiff Aarau hatten und Manuel unser Komponist und Keyboarder regelmässig zu Gast war. Fasziniert von der Balkanmusik hat er sich während seinem Musikstudium an der Jazzschule in Zürich vermehrt dieser Musikrichtung gewidmet. Daraus ist ein Schulprojekt mit verschiedenen Musikern entstanden, bei dem ich oft als Gastsänger bei Auftritten dabei war. Mit der Zeit ist dann Šuma Čovjek daraus entstanden. Die Kombination aus verschiedenen Sprachen, Kulturen und Musikern hat sich von Anfang an gut angefühlt und positiv weiterentwickelt.

Woher kommt dein musikalisches Talent?

Ich bin mit Musik und vor allem Gesang aufgewachsen. Sie gehört für mich seit klein auf zum Leben. Meine Eltern singen beide sehr gut und gerne. Als wir noch in Bosnien gelebt haben, hat sich die ganze Familie und Nachbarschaft nach Feierabend auf der Gasse versammelt und gemeinsam zum Klang der Akkordeons oder Šargija und Gitarre Lieder gesungen. 

Du schreibst ja auch selbst Lieder. Was inspiriert dich dabei? Wie gehst du vor?

Ich komponiere aus dem Gefühl heraus. Aus einer einfachen Situation oder Begegnung kann schon ein Lied entstehen. Man muss sich einfach die Zeit nehmen, den Moment einzufangen und nicht ständig herum zu stressen. Oder wie mein Grossvater zu sagen pflegte: „Ko je žurio, vrat je slomio“ (Wer stresst, der bricht sich mal das Genick.) Da ich die Notenkunst nicht beherrsche, sind es immer auch andere Leute, die mir helfen, das Gefühl technisch einzufangen. Mich inspirieren dabei die aktuellen gesellschafts-politischen Themen, Menschen, Umwelt und verschiedene Kulturen. Da ich ein politischer Mensch  bin und unter anderem über zwölf Jahre im Einwohner- bzw. Grossrat war, sind mir die gesellschaftlichen Anliegen und Herausforderungen immer wichtig gewesen. Die Musik ist wie das Parlament, ein Kanal der Leute, Geschichten und Kulturen zusammen bringt und so einen Beitrag für eine bessere Welt leistet. Das entsteht vor allem und immer im Austausch. So ist es auch bei Šuma Čovjek. Durch den stetigen Dialog entsteht unsere vielfältige Musik und unsere Botschaften. 

Welches ist dein Lieblingslied aus Ex-Jugoslawien?

Schwer nur ein Lied zu nennen. Mich hat die Musik der 80er, der YU-Rock und –Pop, stark geprägt. Bands wie Azra, Haustor etc. Den Sevdah trage ich aber immer im Herzen. 

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Du warst(bist) ja auf der Politik- und Musikbühne aktiv. Was denkst du, wo erreichst du mehr Menschen? Oder wie?

Du erreichst die Leute am besten, wenn du auf der politischen Bühne Kunst machst oder auf der musikalischen Politik. Du erzielst die grösste Wirkung damit, indem du dich quer stellst – sprich aus dem Rahmen brichst. So habe ich anstelle von Reden Lieder geschrieben oder zum Beispiel die Schweizer Hymne neu interpretiert. Als Künstler kannst du dir Freiheiten nehmen, die du als Politiker nicht darfst. 

„Was du bisch en Jugo?“, kennst du die Frage?

Ja.

Und wie antwortest du darauf?

Ja ich bin einer. Ich bin in einem Land aufgewachsen, dass Jugoslawien hiess. 

Heute arbeitest du ja bei okaj, dem kantonalen Dachverband für Jugendarbeit in Zürich. Was denkst du, wie hat sich der Begriff „Jugo“ gewandelt?

Jugos gehören in der Schweiz langsam zu den Hochkulturen (lacht). Am Anfang als ich mit Politik angefangen hatte, war der Jugo ein Schimpfwort. Das Jugo-Bashing hat mich überhaupt zur Politik gebracht. Mit der Gründung der Second@s-Plus gaben wir dem Begriff Jugo, aber auch der diffusen Vorstellung Ausländer seien an allem schuld, ein Gesicht. Dies ist heute nicht mehr nötig, unsere Kultur ist in der Schweiz angekommen. Man muss eher den Jungen erklären, was Jugos überhaupt sind/waren. 

Was braucht jeder Jugo im Šrank?

Selbstgebrannten Rakija (in meinem Fall vom Vater)

Was können Jugos von Schweizern lernen und umgekehrt?

Die heutigen Jugos in der Schweiz sind total integriert. Da gibt es kaum noch Unterschiede. Mich beschäftigt mehr die heutige Lage auf dem Balkan. Es geht immer mehr von der echten Balkan-Seele und Gemeinschaft verloren und verliert sich im Strom der globalen Individualisierung. 

Dein Lieblingsort in Ex-Jugoslawien?

Guca Gora: Der Friedhof in meinem Heimatort. Es ist der friedlichste Ort auf der Welt für mich und der schönste im Dorf, da man früher den Toten die schönsten Orte gegeben hat.

Und dein Lieblingsort in Zürich?

Ich mag den Kreis drei und die Langstrasse, da dort trotz Hipsterisierung die Kulturen Vielfalt noch am grössten ist. 

http://ivica-petrusic.ch/

Was ist für dich ein Šmeker?

Jemand, der ein Gefühl für den Moment hat und sich davon treiben lassen kann. Ein Šmeker geniesst diesen Moment, sei es beim Essen, Trinken oder im Gespräch. Er gibt dem Moment Raum und zelebriert ihn. Dafür kann er auch mal etwas anderes stehen lassen. 

Mit wem würdest gut Du gerne ein Bier trinken?

Da ich sehr gerne und viel Bier trinke und dies am liebsten mit allen möglichen Menschen mache, widerspricht diese Frage meinem Naturell. 

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Hör dir die Beats und Botschaften von Šuma Čovjek an oder geniess Ivica und Šuma Čovjek live auf der Bühne und lass dich vom Moment treiben. Hier findest du ihre Tour-Daten der Band.

Text: Anja Lapcevic

Bilder: Roman Gaigg / Anja Lapcevic